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Sich den Spiegel vorhalten

„Tschüss Gewohnheit – hallo Zukunft!“ Folge 3: Zu viele Klamotten im Schrank?

Warum kaufen wir neue Kleidung?

Weil wir älter werden und sich unser Körper verändert. Vielleicht.

Weil Sachen verschleißen. Auch.

Weil Kleidung Persönlichkeit ausdrückt. Seriöse, originelle, hippe, androgyne, sportliche …  das dürfte der Hauptgrund sein, warum wir shoppen. Kleidung schafft Schutz, nicht nur körperlich. Kleidung schafft Zugehörigkeit. Kleidung ist Ausdruck und Suche, wer wir sein wollen.

Schnäppchenpreise helfen bei der Selbstfindung. Längst kauft man nicht mehr nach gründlichem Abwägen, sondern „holt“ sich was. Aber was bei uns schön „preiswert“ ist (= seinen Preis wert?), bezahlen woanders auf der Welt Menschen mit ihrer Würde und ihrer Gesundheit.  Oftmals sind es junge Frauen in den Herstellerländern, die nach 12-Stunden-Schichten ohne Pause, Tageslicht und Arbeitsschutz mit ein paar Geldstücken nach Hause gehen – und wenn sie ihren Job behalten wollen, will der Chef auch gerne mal etwas ausziehen …

Wissen wir das? Das Grobe schon. Die Staatlichen Museen zu Berlin haben dem Thema sogar eine eineinhalbjährige Ausstellung gewidmet, die nun zu Ende ging (und wegen des Lockdowns sowieso länger nicht zu besuchen war). Wer drin war, ging beschämt hinaus.

Das Phänomen nennt sich „Fast Fashion“ … und ist ein XXXL-Problem für unseren Globus.

Wir konsumieren zu schnell und zu viel. Seit der Jahrtausendwende ist der Verkauf von Kleidung weltweit um das Doppelte angestiegen, während die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kleidungsstückes nicht einmal mehr 1 Jahr beträgt! Reparieren? Lohnt sich nicht …

Greenpeace hat Zahlen: Die gesamte Textilproduktion verursacht in nur einem Jahr über eine Milliarde Tonnen CO2. Das ist mehr als alle jährlichen internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Dazu kommen  die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik aus Textilfasern und die Verwendung giftiger Chemikalien.

„Aber ich bringe ganz viel in die Altkleidersammlung!“, sagen wir dann vielleicht. Leider längst überholt: Auch Afrika weiß nicht mehr, wohin mit unserem Textilmüll.

Es gibt einen Spruch, den ich lange zynisch fand: „Billiges kann ich mir nicht leisten.“ Inzwischen verstehe ich ihn und sehe ihn als wirksames Gegenmittel zu Geiz-ist-geil.

Die gute Nachricht: Wir müssen nicht ein „gutes Stück“ teuer erstehen und es dann 20 Jahre lang abtragen. Wir können tolle Kleidung aus zweiter Hand kaufen. Es gibt neben den herkömmlichen Trödelläden auch exklusive Second-Hand-Boutiquen. Auch der Online-Markt hat „pre-owned“ für sich entdeckt, sowohl zum Kaufen als auch Verkaufen. Und auf Klamottentausch-Partys gibt es neben dem Fun Factor ehrliche Stilberatung („Steht dir nicht!“) …

Nun ist gebrauchte Kleidung nicht für jede*n etwas. Aber auch hier findet sich eine zunehmend größere Auswahl hochwertiger recycelter Neuware. Einfach Stichwörter wie „Nachhaltigkeit“ eingeben …

Und parallel zu alldem das wohl Wichtigste: Ausmisten!!!

Denn: Während Shoppen das neuronale Belohnungssystem mit seinen Glückshormonen nur kurzfristig anwirft und ständig neu bedient werden muss, befriedigt das Ausrangieren langfristig. Es geht darum, latente Überforderung loszuwerden, verlorenen Überblick zurück zu gewinnen, neue Wertschätzung zu erleben. Und es ist keineswegs trivial, dafür Ratgeber zu lesen!

Am Ende räumt man nicht nur im Schrank, sondern im Leben auf … viel Freude dabei!

 

Renate von Eicken

 

30 Grad reichen: Beim Waschen gehen mehr als drei Viertel der benötigten Energie für das Erhitzen des Wassers drauf. Laut Umweltbundesamt lässt sich für die Energiekosten eines Waschgangs bei 60 Grad fast 2x bei 40 Grad oder sogar 3x bei 30 Grad waschen. Das reiche im Normalfall auch aus hygienischer Sicht aus.

Gegen (inneres) Vermüllen: z. B. Ratgeber „Magic Cleaning“ – eine Aufräum-Therapie (M.  Condo)

Textilsiegel: Neben unabhängigen Textilsiegeln haben auch Modeunternehmen begonnen, eigene Siegel zu etablieren und damit Kollektionen auszuzeichnen. Um sicherzustellen, dass hohe Standards für eine faire und nachhaltige Produktion eingehalten werden, empfiehlt es sich, auf unabhängige Textilsiegel zu achten (z. B. Fair Wear Foundation).

Infoseiten:
www.nachhaltige-kleidung.de
www.fairlier.de
www.greenpeace.de

Zahlen:

  • Mehr als 90 Prozent unserer Kleidung stammt aus Asien. Über zwei Drittel der chinesischen Flüsse und Seen gelten als verschmutzt.
  • Zum Färben, Bedrucken und Imprägnieren von T-Shirts werden 3000 Chemikalien eingesetzt.
  • Schon in normalen Jahren fallen in Deutschland mittlerweile einige 100 Millionen überflüssige Kleidungsstücke an – etwa jedes 10. Stück bleibt unverkauft. Aufgrund des Lockdowns lagerte der Mode- und Textilhandel in diesem Winter mehr als 500 Millionen unverkaufte Winterartikel … diese drohen jetzt, weggeworfen zu werden.

Aktuell:
Mitte Februar 2021 stellten Wirtschaftsminister Altmaier (CDU), Arbeitsminister Heil (SPD) und Entwicklungsminister Müller (CSU) die Pläne für ein Deutsches Lieferkettengesetz vor. Es soll ab 2023 für Unternehmen mit mehr als 3000 in Deutschland Beschäftigen gelten. Ab 2024 sollen auch Firmen ab 1000 Beschäftigten darunter fallen. Der EU-Kommission gehen die Pläne der Bundesregierung nicht weit genug. EU-Justizkommissar Didier Reynders: „Die Größe der Unternehmen sagt nichts aus!“ Auch ein Kleinstbetrieb könne die Einfuhr von Textilien organisieren, die von Zwangsarbeitern gepflückte Baumwolle enthalten.

Im August 2020 hatten BUND, Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace und weitere Organisationen im Rahmen der „Initiative Lieferkettengesetz“ der Politik ein Gutachten zur Einführung eines deutsches Lieferkettengesetzes vorgelegt. Dieses soll u. a. hiesige Unternehmen für Schäden in den Produktionsländern verantwortlich machen.